Fazit der Reimforschung

Ich habe nie daran geglaubt, dass meine Worte durch Reime mehr Sinn ergeben. Ich habe gelernt, klare Aussagen auch in normalen Sätzen zu vormulieren, und in dieser Hinsicht war "Zeichen mit Reim geleimt" für mich nur ein Selbstexperiment. Vielleicht sollte es auch der Beweis sein, dass ich auch so könnte, wenn ich wollte; um Vertretern der Hochkultur den Wind aus den Segeln nehmen zu können, wenn sie mein Schaffen an anderer Stelle als trivial abkanzeln wollen. Das Experiment ist nun mit 51 Einträgen erst mal beendet und es ist Zeit für ein kleines Fazit. Welche Erfahrungen kann ich aus meiner Reimpraxis berichten?

Die Form an sich ist natürlich kein Selbstzweck: Gedichte sind eine ästhetisch Aufladung der Sprache, die in Westeuropa ihren Ursprung in dem Rhythmus und Versmaß der griechischen Redner hat. Die kulturelle Hegemonie Griechenlands und später Roms in Europa, Asien und Nordafrika hat den Vortrag eines Anliegens vor Gerichten, vor dem Volk oder dem Senat professionalisiert. Er erforderte von den Rednern nicht nur Logik, sondern auch Eloquenz und eben auch eine wohlklingende Struktur und Ausarbeitung der Worte. Der Rhythmus ist hierbei wohl unser Erbe dieser oralen Kultur des Vortragens, bekommt durch unsere medienzentrierte Speicher-Kultur jedoch den neuen Aspekt der "Schriftlichkeit". Ich glaube, wir erinnern bei Reimen und rhythmischen Wortreihen immer noch unterschwellig die Eloquenz antiker Genies. Die Aura antiker Weisheit, die ewig gilt. Dieser Versuch des zeitlosen Aphorismusses aus menschlicher Erfahrung macht das Gedicht so "romantisch".

Nun zu meiner Erfahrung. Ich habe alle Gedichte nicht vorgedacht, sondern meist impulsiv begonnen. Manchmal stand auch ein Wortspiel zu Beginn. Es war aber eher der Wunsch, ein eigenes Gefühl oder eine Beobachtung bei Anderen zu beschreiben. Dieser deskriptive Moment bekam jedoch schnell seine Grenzen, wenn es um die Reime ging. Man muss sich schon auf die zufälligen phonetischen Ähnlichkeiten der Sprache (1, 2) einlassen und biegt und beugt die Worte bis es passt. Manchmal erfolgreich manchmal ewig tüftelnd. Letztlich war es eher der Rhythmus und auch sein bewusster Bruch, an dem ich mich orientiert habe. Das geschriebene Gedicht ermöglicht hier viel mehr Anarchie in der Sprache, da dem Leser ein zweiter Blick zugemutet werden kann. Würde man sie vortragen, gingen wohl leider einige Dimensionen verloren.

Viele Beiträge in diesem Blog entstanden zunächst im Twitter-Eingabefeld mit 140 Zeichen. Ich finde, dies ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass es nicht explizit der historisch vorbelastete, bildend-künstlerische 'Reim', sondern eher ein generelles Spiel mit Worten ist, das man als "sinnproduktiv" bezeichnen kann. Der formelle Rahmen - ob 140 Zeichen oder ein Reim am Ende jedes Absatzes - ist relativ egal. Solange er existiert und das kreative Formen nötig macht. Der Rahmen ist quasi das, was uns zu Abstraktionen und Verkürzungen zwingt; und wir Menschen versuchen trotzdem, die Grenzen des reinen Zeichenmaterials zu sprengen, darin produktiv zu sein und vielleicht sogar eine anarchische Befriedigung für uns selbst zu finden. Das Gedicht ist hier nur die phonetisch-rhythmische Form des Ausbruchs. Twitter kann hier meiner Meinung nach noch viel mehr.

Ich werde dieses alte Reim-Experiment nun beiseite legen. Das Pragmatische und Schöne der uralten wissenschaftlichen Haltung ist es, dass ein Experiment einen begrenzten Ort (Labor, Biotop, Untersuchungsgegenstand) oder einen bregrenzten Zeitraum für die Bewertung und ein Ergebnis braucht. Dieser Ausschnitt aus Zeit und Raum wurde von mir nun definiert und geschlossen. Wer noch mehr will, muss selber Forschung versuchen. Ich ziehe weiter. 

Was Kunst für mich ist, habe ich hier mal betrunken beschrieben.

 

Zum Schluss noch meine Lieblingsgedichte:

Der Text über "Ordnungshüter" ist mit seinen Assoziationsketten, der Bildanarchie und den brechenden Worten wohl das schönste Stück. Genies, Adel und Kirche bekommen ihr Fett weg. Dichtung ohne Reime.

Wer Positives, Sauberes und Gedichte ohne Brüche bevorzugt, darf sich "Streitlust", "Raumkrone" und "Sinnsachtraum" mal anschauen. Auch "Weltgeltungssucht" gehört wohl in diese Reihe.

Mein Gedicht über Urheberrecht ist wohl in sich, mit seinen Wiederholgungen und seiner Aussage am stimmigsten.

Ansonsten hänge ich immer noch an den ersten Gedichten in diesem Blog über Satire und Bildschirme.

Bis bald an neuem Ort und anderer Stelle,

Felipe Gonzo